Das Potenzial der autofreien Innenstädte

Lärm, schlechte Luft, Gedränge auf den Straßen – all das verschafft uns der innerstädtische Autoverkehr tagtäglich. Das schlägt auf die Laune, aber viel mehr noch auf die Gesundheit eines jeden Einzelnen. Und es schränkt uns alle in unserer freien Entfaltung ein, Fußgänger und Radfahrer sind dem Auto in der Hierarchie untergeordnet. Das muss sich dringend ändern, gerade wegen des Klimawandels, aber nicht zuletzt auch im Zuge der Urbanisierung, die von uns neue Stadtentwicklungskonzepte fordert. Madrid macht es vor. Mit dem sogenannten „Plan A“ soll das Zentrum weitestgehend von Autos befreit werden. Wie lässt sich das umsetzen? Und was können wir für Ottensen von dem Projekt lernen? 

Den Autoverkehr aus den Zentren zu verbannen ist längst keine Utopie mehr, im Gegenteil funktioniert dies in einigen Städten bereits gut. Als europäisches Paradebeispiel für die Mobilitätswende gilt Kopenhagen. Seit den 1980er Jahren erfahren die Radfahrer größere Anerkennung, die Infrastruktur wurde immer stärker auf sie ausgerichtet. Viele Hauptverkehrsstraßen verfügen nur noch über eine Autospur pro Richtung, die Fahrradwege dagegen sind zweispurig. Reine Rad-Highways, die ständig ausgebaut werden, runden das Konzept ab.
Und wie sieht die Lage in Deutschland aus? Immerhin sollen über erste Dieselfahrverbote entsprechende Autos nicht länger durch bestimmte Zonen fahren dürfen. Unsere Stadt Hamburg wagt zudem ein spannendes Projekt: Das Rathausquartier im Bezirk Mitte wurde zur autofreien Innenstadt erklärt, zumindest für die Sommermonate. Acht kleine Straßen wurden zur Fußgängerzone umfunktioniert, von 11 bis 23 Uhr müssen die Autos draußen bleiben. Auch in Hamburg-Ottensen ist ein solches Konzept im Gange.

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Foto: Martin Heiberg, Copenhagen Mediacenter

Madrid und der Plan A

Doch zunächst hat ein anderes Projekt große Aufmerksamkeit erfahren. Es handelt sich um ein langfristiges, ja sogar um ein wirklich ernstgemeintes Projekt, in der spanischen Hauptstadt Madrid. Die Rede ist vom sogenannten Plan A, der auf der Arbeit der linksalternativen Stadtverwaltung um die damalige Bürgermeisterin Manuela Carmena beruht.

Die Einwohner Madrids leiden unter dem Smog in ihren Straßen. „Boina“ nennen sie diesen Zustand, der ins Deutsche übersetzt Baskenmütze bedeutet. Nach massiven Protesten durch die Bürger und einiger konservativer Lokalparteien aus den Vororten, sprach das Verwaltungsgericht den Bewohnern jüngst ein Recht auf eine angemessene Umwelt und ein Recht auf Gesundheit zu. Der Plan A thematisiert die Luftqualität und den fortschreitenden Klimawandel. Warum Plan A? Ganz einfach: Es gibt keinen Plan B!
Für ihr Vorhaben nimmt die Stadt rund 550 Millionen Euro in die Hand, um mit Hilfe dieses Geldes den Autoverkehr massiv reduzieren. Das übergeordnete Ziel: Im Jahr 2030 soll der Verkehr nur noch die Hälfte der Emissionen des Jahres 2012 produzieren. Für das Weihnachtsgeschäft sperrte die Regierung die Innenstadt für Autos ab, was einen positiven Effekt in Hinblick auf die Verkaufszahlen der ansässigen Läden mit sich brachte. Konkret stiegen diese im Vergleich zum Vorjahr um beeindruckende 9,5 Prozent. Zurückzuführen ist das auf die erhöhte Laufkundschaft, die von der Abwesenheit des Autoverkehrs profitierte.
Doch dann kam der Regierungswechsel in Madrid und damit die Vorherrschaft der Konservativen um den Bürgermeister Almeida. Dieser kippte die Fahrverbote wieder, denn mit dem Plan A konnte er sich nicht anfreunden. Doch die Madrilenen wehrten sich. Tausende Menschen forderten auf der Straße die Einhaltung der Pläne; den Rückgang von Lärmbelästigung und Luftverschmutzung wollen sie nicht mehr missen. Almeida stütze sich in seinen Aussagen auf die Nichterreichung der Ziele, Umweltverbände wiedersprechen. Zwar sei die Stickoxidbelastung nicht so schnell gesunken, wie vorgesehen, dies ist jedoch auch darauf zurückzuführen, dass es monatelang nicht regnete.

Bürgermeister verliert gegen das Verwaltungsgericht

Aber Almeida hatte in seinem Wahlkampf nun mal versprochen, dem Plan A einen Strich durch die Rechnung zu machen. Ein überheblicher Charakter, der die Autofahrer nun unbesorgt wieder ins Stadtzentrum fahren ließ – bis zum ersten Juli 2019, bis das Verwaltungsgericht der spanischen Hauptstadt das Fahrverbot wieder einführte. Reagiert wurde hier auf einen Eilantrag der Umweltschutzorganisation Ecologistas en Acción. Almeidas kurzfristige Wiedereinführung des innerstädtischen Autoverkehrs führte zu einem unmittelbaren Anstieg der Stickoxidwerte, weit über die von der EU vorgeschriebenen Grenzwerte. Und die EU drohte bereits in der Vergangenheit mit Strafverfahren, falls sich Madrid nicht an die Vorgaben halte. Paco Segura, verkehrspolitischer Sprecher von Ecologistas en Acción, forderte den spanischen Bürgermeister Almeida auf, die Kampagne gegen den Plan A einzustellen, vor allem im Interesse der Gesundheit der Bürger. 

Auch Ottensen macht Platz

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Foto: Nicholas Boos, Flickr

Auch in Hamburg-Ottensen entsteht zurzeit eine einzigartige Möglichkeit, die Mobilitätswende voranzubringen. Von Anfang September 2019 bis Ende Februar 2020 sind Teile der Ottenser Hauptstraße, der großen Rainstraße, der Erzbergerstraße und der Bahrenfelder Straße eine weitestgehend autofreie Zone. Im Fokus stehen nun Fußgänger, Radfahrer und Freizeitangelegenheiten der Bewohner des Stadtteils.
Einen schönen Namen trägt das Vorhaben auch: „Ottensen macht Platz“, so heißt es, berücksichtigt zahlreiche Wünsche und Ideen, die aus dem Workshop von Cities4People stammen. Nachbarschaftliche Begegnungen, gemächliches Flanieren, kreative und neuartige Nutzungen sowie eine Aneignung des urbanen Raumes rücken in den Fokus.
Durch das Projekt sollen alle lernen, wie eine nachhaltige und autoarme Mobilität in hochverdichteten Quartieren organisiert werden kann. Die Initiative erhofft sich Aufschluss darüber, welche individuellen und lokalen Erfordernisse es braucht, auf welche Aspekte besonderen Wert gelegt werden muss. Wie wirken sich veränderte Spielregeln auf den Stadtteil aus? Im Idealfall erleben wir in Ottensen eine stärkere Zufriedenheit und Unbeschwertheit bei den Anwohnern, Passanten und Gewerbetreibenden.

Das lernen wir von Madrid

Was können wir mitnehmen aus dem Plan A in Madrid? Vor allem jene Tatsache, dass eine Mobilitätswende nur mit mutigen Entscheidungen erzielt werden kann. Doch die allein reichen nicht aus. Wir müssen auch unser eigenes Verhalten ändern, das Auto stehen lassen, stattdessen das Fahrrad nehmen. Wir müssen uns öffnen für neue Konzepte im Alltag.
Vom Beispiel Madrid können wir lernen, wie politische Entscheidungen zum Wohl der Stadtbewohner getroffen werden können. Dafür braucht es jedoch eine starke Initiative, einen gewissen revolutionären Geist der Bürger, der nicht allzu schnell wieder abreißen sollte. Aber auch die Kommunikation muss durchdacht werden, die Sorgen der Kritiker und Unschlüssigen erfordern Aufmerksamkeit durch die Initiatoren. Denn wenn am Ende die Mehrheit unzufrieden ist, kann jedes noch so durchdachte, gutgemeinte Projekt scheitern. Was schade wäre, denn mit „Ottensen macht Platz“ können die Initiatoren beweisen, wie erfolgreich alternative Nutzungskonzepte sind und dass autofreie Quartiere die Lebensqualität aller Beteiligten deutlich steigern.

 

Text und Recherche: Marlene Apel
Verantwortung, Konzept und Lektorat: Lars Boettger.”